Horror

Das siebte Pferd

Ein altes Kinderkarussell an der Klippe, ein Wunsch um 0:13 und ein Tropfen Blut. Susan will von ihrem Partner loskommen. Das schwarze Pferd hört genau zu.

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I

Wo das Land aufhört

Der Jahrmarkt von Hollmünde stand dort, wo das Land aufhörte.

Zwischen Losbude und Kettenflieger blieben vielleicht dreißig Schritte Gras. Dann kam ein Holzzaun, und hinter dem Zaun ging es achtzig Meter hinunter ins Meer.

Susan kam jedes Jahr her, seit sie sieben war. Damals hatte ihr Vater sie auf die Schultern genommen, damit sie den Leuchtturm sehen konnte, der am Ende des Klippenpfads stand und schon lange kein Licht mehr gab.

Dieses Jahr kam sie allein. Marek dachte, sie sei bei ihrer Schwester in Kiel.

Sie ging an allem vorbei. An den gebrannten Mandeln, am Autoscooter, an dem Mann, der Plastikfische angeln ließ. Sie wollte nur zum Karussell.

Es stand ganz hinten am Zaun, als hätte man es dort vergessen. Ein Kinderkarussell von 1923, mit rot-goldenem Dach und dreihundert Glühbirnen, von denen ungefähr die Hälfte noch brannte.

Darunter liefen die Holzpferde im Kreis. Susan zählte sie trotzdem, wie jedes Jahr.

Sieben.

II

Agathe

Das schwarze Pferd war das einzige, auf dem nie ein Kind saß.

Es hatte eine Mähne aus echtem Rosshaar, steif und grau vom Staub, und Glasaugen, die nicht ganz zueinander passten. Auf dem Sattel stand in abgeblätterter Goldschrift ein Name: Agathe.

„Die will keine Kleinen“, sagte die Frau im Kassenhäuschen. 

Frau Bohlen verkaufte hier Fahrchips, solange Susan denken konnte. 

„Die Eltern merken das. Die setzen ihre Kinder ganz von selbst woanders drauf.“

Susan zog die Ärmel tiefer über die Handgelenke. Frau Bohlen sah trotzdem hin.

„Du bist nicht wegen der Mandeln hier.“

„Stimmt das mit der Uhrzeit?“

Frau Bohlen nickte zur Uhr über dem Orgelkasten. 

Ihre Zeiger standen seit Jahrzehnten auf dreizehn nach zwölf.

„Um die Zeit. Auf ihr. Links unter der Mähne sitzt ein Dorn. Ein Tropfen reicht, sagt man.“

Sie schob einen Chip über den Tresen, obwohl Susan nicht bezahlt hatte. 

„Und man sagt auch: Wer fragt, was es kostet, steigt gar nicht erst auf.“

In Susans Jackentasche vibrierte das Handy. Sie musste nicht nachsehen, wer es war.

III

Dreizehn nach zwölf

Um halb zwölf gingen die Lichter aus, Bude für Bude, von vorne nach hinten.

Susan wartete hinter dem Generatorwagen, bis der letzte Schausteller seine Plane festgezurrt hatte. 

Der Wind kam vom Meer und roch nach Diesel und Tang.

Das Absperrband am Karussell war nur einmal um einen Pfosten geknotet. Sie stieg darüber.

Agathe war kalt. Kälter als die anderen Pferde, als hätte sie die Nacht draußen im Wasser gestanden. 

Susan schob die Finger in die Mähne. Rosshaar, Staub, etwas Klebriges darunter. Und dann, links am Hals,  der Dorn.

Ihr Handy zeigte 00:12. 

Sie dachte an die Küche, an den Abend mit dem Wasserkocher, an seine Stimme, wenn sie leise wurde.

Der Satz, den sie sich zurechtgelegt hatte, war ganz einfach.

Mach, dass ich von ihm loskomme.

00:13

Sie drückte den Zeigefinger auf die Spitze.

Es tat weniger weh, als sie gedacht hatte. 

Es tat überhaupt nicht weh.

IV

Die erste Runde

Über ihr gingen die Lichter an. Alle dreihundert. Auch die, die seit Jahren kaputt waren.

Die Orgel setzte ein, mitten im Takt, als hätte sie die ganze Zeit gespielt und jemand hätte nur die Tür zu ihr aufgemacht.

Dann bewegte sich der Boden.

Susan hielt sich an der Messingstange fest. Agathe hob und senkte sich unter ihr, ruhig und gleichmäßig, wie ein Tier, das atmet.

Erste Runde: 

der dunkle Jahrmarkt. Der Zaun. Das Meer. Der Leuchtturm, weiß gegen den Himmel.

Zweite Runde: 

Jahrmarkt, Zaun, Meer, Leuchtturm.

Dritte Runde: 

Jahrmarkt. Und vor dem Kassenhäuschen ein Mann in grüner Regenjacke.

Marek hob die Hand und winkte. In der anderen hielt er sein Handy hoch, damit sie den kleinen blauen Punkt auf der Karte sehen konnte.

Ihren Punkt.

V

Jede Runde näher

Er kam nicht gerannt. Das war das Schlimmste.

Er kam so, wie er abends durch den Flur kam, wenn er schon wusste, wie es ausgehen würde.

Vierte Runde: 

Er stand am Absperrband.

„Kiel“, sagte er, gerade laut genug für die Orgel. „Grüß deine Schwester.“

Fünfte Runde: 

Das Band lag am Boden.

Susan wollte absteigen, aber das Karussell war jetzt schneller, und Agathe hob sie höher, als ein Kinderpferd irgendwen heben sollte.

Sechste Runde: 

ein Fuß auf der Plattform.

Sie sprang.

Das Gras war nass und hart. Hinter ihr lief die Musik weiter, und sie hörte ihn lachen, kurz und überrascht, wie über einen Witz, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Zum Ausgang ging es nicht, da stand er. Also lief sie in die andere Richtung. Durch das Loch im Zaun, auf den Pfad.

VI

Der Klippenpfad

Der Pfad zum Leuchtturm war einen Meter breit. Links Ginster, rechts nichts.

Vom Wasser stieg Nebel und lag über der Kante, sodass man nicht mehr sah, wo der Weg aufhörte.

Susan lief, wie sie seit der Schule nicht mehr gelaufen war. Nach zweihundert Metern brannte ihre Lunge.

Hinter ihr  knirschte Kies. Nicht schnell. Regelmäßig.

„Susi.“ 

Seine Stimme, weich, aus dem Nebel. 

„Wo willst du denn hin? Da vorne ist nur Wasser.“

Die Orgel war noch zu hören. Das konnte nicht sein, nicht so weit draußen, nicht bei dem Wind. 

Aber sie spielte, und es klang, als würde sie mitlaufen.

Der Leuchtturm wuchs aus dem Nebel. Weiß, rund, die Tür dunkelgrün.

VII

Die Kante

Die Tür war abgeschlossen.

Susan rüttelte trotzdem, zweimal, dreimal, bis ihre Hand abrutschte und eine rote Spur auf der grünen Farbe hinterließ. Ihr Finger blutete noch.

Als sie sich umdrehte, war er da. Drei Meter. Die Kapuze hatte er abgesetzt.

„Siehst du“, sagte Marek. „Jetzt hast du dich müde gemacht.“

Sie wich an der Mauer entlang zurück, bis unter ihrer Ferse kein Gras mehr war. Nur noch Luft.

Er streckte die Hand aus.

Dann blieb er stehen und sah auf den Boden zwischen ihnen. Da war nichts. Nur Nebel, der sich bewegte, als hätte darin etwas aufgestampft.

Ein Huf auf Stein. Ein einziger.

Unter Mareks Füßen riss die Grasnarbe ab, ein Stück Klippe so groß wie ein Holzpferd des Karussells. Er sah sie an. Er wirkte nicht einmal erschrocken.

Dann war da, wo er gestanden hatte, nur noch Nebel.

Und hinten auf dem Jahrmarkt hörte die Orgel auf zu spielen.

VIII

Der Morgen danach

Die Polizei fand ihn bei Ebbe, unten auf den Steinen.

Eine Beamtin mit kurzen grauen Haaren brachte Susan Tee in einem Pappbecher. Sie nannte es so, wie es später auch im Bericht stehen würde: 

ein Unfall.

Ein Mann folgt nachts seiner Freundin auf einen gesperrten Pfad. Die Kante ist morsch. So etwas passiert.

„Er hat Ihnen Angst gemacht“

sagte die Beamtin. 

Es war keine Frage. 

Sie hatte Susans Handgelenke gesehen.

Susan nickte und wartete auf das Gefühl. Erleichterung, Trauer, irgendwas.

Es kam nichts. 

Nur ein merkwürdiges Gefühl in der Hand.

Der Stich am Finger blutete nicht mehr. Die Haut drumherum war glatt geworden, glatter als der Rest. Und kalt.

IX

Was Agathe wollte

In den Wochen danach wanderte die Kälte weiter.

Erst der ganze Finger, dann die Hand. 

Die Haut bekam feine Linien. Keine Falten. Eher eine Maserung.

Zum Arzt ging sie nicht. Sie wusste, dass er etwas sagen würde, das nicht stimmte.

Abends feilte sie an ihrem Handrücken herum, bis feiner Staub auf dem Tisch lag. Er roch nach Sägemehl.

Nachts träumte Susan vom Kreisen. Jahrmarkt, Zaun, Meer, Leuchtturm. Sie wachte auf und spürte das Heben und Senken noch im Bauch.

Frau Bohlen erreichte sie erst im Winterquartier, über ein Telefon in einer Halle irgendwo bei Husum.

„Was hast du dir gewünscht?“

„Dass ich von ihm loskomme.“

Eine lange Pause. 

„Dann bist du losgekommen. Agathe nimmt einen Wunsch immer ganz, Kind. Von ihm. Und von allem anderen auch.“

„Was heißt das?“

„Die Agathe auf dem Sattel war auch mal eine junge Frau. 1933. Sie wollte auch vor jemandem weg.“

„Sie will kein Blut“, sagte Frau Bohlen. 

„Sie will, dass jemand mitfährt.“

X

Acht

Im Juni darauf stand der Jahrmarkt wieder an der Klippe von Hollmünde.

Neue Planen am Autoscooter, ein neuer Mann bei den Plastikfischen. Das Karussell stand, wo es immer stand, ganz hinten am Zaun.

Ein Mädchen, vielleicht sieben, zog seine Mutter am Ärmel hin und zählte laut die Pferde.

„Fünf, sechs, sieben …“

„… acht.“

Das achte Pferd war hell, fast weiß, mit einer Mähne, die zu dunkel für das Holz war. 

Auf dem Sattel stand ein Name, die Goldschrift noch ganz frisch.

Susan.

Das Mädchen wollte unbedingt auf das schwarze. Die Mutter setzte es, ohne lange nachzudenken, auf das weiße.

Als die Orgel einsetzte, hob sich das weiße Pferd ganz sanft. Als wollte es dem Kind nichts tun.

Es war drei Uhr nachmittags. Die Uhr über der Orgel zeigte dreizehn nach zwölf.

Ende

Wie war „Das siebte Pferd“?

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